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Warum sich nicht alle Barkeeper auf die EM 2016 freuen

em 2016

Die EM 2016 kommt – Wie die Zeit vergeht

Es kommt einem so vor als wären gerade einmal wenige Monate vergangen, seit unserer Jungs den 4. WM Titel geholt haben. Aber siehe da, zwei Jahre sind vorbei und die Fußball Europameisterschaft in Frankreich steht ins Haus. Gerade einmal 6 Wochen zeigt der Countdown bis zum Anstoß des Eröffnungsspiels  der EM 2016. Für die Fußballfans ein Grund zu jubeln. Abends mit den Jungs losziehen und das Spiel in der nächsten Bar, in gewohnter public viewing“ -Atmosphäre schauen. Das ist der Traum. Aber irgendwie nicht für jeden. Oder vielmehr nicht für alle Beteiligten.

Der typische „Fan“

Klar, selbst jene, die sich für gewöhnlich dem Fußball verschließen werden schlagartig zu patriotischen Fußball-Geeks und tragen peinliche Hüte, welche lediglich von den noch peinlicheren Accessoires ablenken. Vuvuzelas und Ratschen aus dem Tedi, Schals aus dem KiK, Schminke aus dem NANU-NANA und der Hipster- Deutschland Turnbeutel aus dem Takko. Nur das Trikot, das muss original Adidas sein, da ist der Deutsche eigen. Nun sucht der, vor Euphorie platzende, neugeborenen Fußball-Fan den Weg in die nächste Bar. Unterwegs nochmal schnell google mit der Frage bemüht, wann er denn nun lautstark „ABSEITS!!!“ rufen darf, ohne sich zum Horst des Abends zu machen. – „Alles klar, hab ich zwar nicht verstanden aber ich improvisiere einfach. Kann ja schließlich nicht so schwer sein.“

Jetzt hat der Fußball-Fan die Qual der Wahl. In welcher Location soll er Fußball gucken? Beziehungsweise wo läuft Fußball, wo man auch einen anständigen Drink bekommt? Zu WM & EM -Zeiten teilt dich die Bar-Szene in folgende Lager auf:

Die „Fußball? Nein Danke“ – Bars

Da stolziert man vor Angst, nirgends einen Platz zu finden, geplagt durch die letzte Seitengasse und findet schlagartig eine Bar. Einige Parkplätze im Umkreis von 100 m sind frei und man hört noch keine Horden von Testosteron-geladenen Fans. Scheint ja mein Glückstag zu sein. Also nichts wie rein in die gute Stube. Vor lauter Freude eine Bar gefunden zu haben, die nicht hoffnungslos überfüllt ist, übersieht unser Freund mit den Discounter-Utensilien jedoch den 20×20 cm großen Aufkleber auf der Tür. Ein, mit großem roten Balken durchgestrichener Fußball. Jedem, der den Aufkleber sieht ist an dieser Stelle klar, dass Tor 3 der Zonk war. Am Tresen angekommen mustert der Barkeeper unseren peinlichst dekorierten Freund und sieht schon am suchenden Blick, wo die Reise des Gesprächs hingehen soll. Die Begrüßung beschränkt sich auf ein freundliches: „Mit der Bierflasche raus aus dem Laden, aber ganz schnell mein Freund.“ Also nichts wie raus. Auf der Terrasse noch schnell den letzten Schluck Augustiner Bräu geschluckt und die Flasche in den Deutschland-Beutel aus dem Takko. „Hier läuft heute kein Fußball.“ -wird mit bestimmter Stimme gesagt, als ich den Tresen erreichte. „Aber ihr habt doch da einen Fernseher. Wollt ihr denn kein Geld verdienen?“ Letztere Frage lässt dem Barkeeper den Willen für einen Schlagabtausch über mindestens 10 Sätze komplett vergessen. Ab hier wird beidseitig auf pampigste verbal entgegnet. Na zum Glück kann man im Zweifel vom Hausrecht Gebrauch machen denkt sich der Barkeeper. „Auf nimmer wiedersehen“ -wird gebrummt, während die yelp App auf dem Smartphone gesucht wird.

Die „Fußball? Na aber sowas von“ – Bars

Kein Problem, nächste Bar. Noch 45 min bis zum Anpfiff. Die Yelp App ist noch offen. Also mal schauen was im Umkreis so geht. Ah, eine Sports-Cocktailbar. Angekommen am schmucken Haus wird einem schwindlig. Nicht ausschließlich, weil die Luft bereits böses erahnen lässt. Auch der Blick an die Theke vermittelt den Eindruck eines Kaleidoskop-ähnlichen Spiegelkabinetts. Aber nicht nur der Jungs vor der Theke, sondern auch dahinter. Vermutlich vom Chef des Hauses als Kleiderordnung angeordnet, stehen die Jungs an der Bar ebenso dekoriert spalier wie unser Fan auf der Suche nach dem perfekten Abend. Noch zögernd und von euphorischen Deutschland-Fans erschlagen erhalte ich einen Begrüßungs-Shot. MangosirupXuXu und Johannisbeer-Likör. Na lecker. Alleine beim Aufzählen des Barkeepers stand ich kurz vor der Diabetes. Seis drum, runter damit und schell ein kleines Bier bestellt um nicht als Schnorrer zu wirken und um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Irgendwie ist es das noch nicht. Also das Bier schnell hinter die Binde gekippt und weiter gehts. Inzwischen ist der Laden so voll, dass eine zusätzliche Bestuhlung aufgefahren wurde. Lücken zwischen den Tischen werden nun von, mit Hussen dekorierten Stehtischen blockiert, dass jedes mal wenn jemand auf die Toilette muss oder ein Zigarette rauchen möchte, der ganze Laden umgebaut werden muss. Flucht und Rettungswege sind nicht mehr vorhanden also können die Schilder für eben diese auch mit peinlichen Cowboy-Hüten dekoriert werden, wie unser Freund ihn durch die Gegend trägt. Plötzlich tut sich eine Rettungsgasse auf. Nichts wie raus, nächste Bar.

Die „Wir sind eigentlich ein Biergarten, verkaufen aber heute Cocktails“ – Locations

Yelp brachte bisher nur Enttäuschungen also kurzer Hand die App gewechselt. Auf dem Homescreen angekommen erwartet einem eine E-Mail von Yelp. Jemand hat deine Bewertung kommentiert – kurzerhand angeklickt und gelesen: „Wenn du das nächste Mal eine Bar bewertest, solltest du ins Detail gehen und sagen was du scheiße fandest. Außerdem hast du bei uns gar nichts getrunken. Wenn du den Aufkleber an der Tür nicht gesehen hast, ist das wohl nicht unsere Schuld. – Der Barchef Irgendwie hat er ja recht. Egal. TripAdvisor muss her. Boom, da haben wir doch was. Schnell die Abkürzung durch den Park genommen und auf halben Wege, siehe da, ein Biergarten. Die Leinwand leuchtet und die Lautsprecher des Heimkinosystems, welches der Betreiber sicherlich aus seiner privaten Wohnung mitgebracht hat, schallen über die ganze Wiese. Mal schauen was da so los ist. Am Eingang steht ein großes Schild. Die Namen der Spieler für die heutige Aufstellung sind aufgeführt. Darunter jeweils eine Cocktail-Rezeptur. Plumper Einfall um seine Drinks an den Mann zu bekommen aber drastische Umstände erfordern drastische Maßnahmen. Da kann man auch mal Trader Vics Vermächtnis besudeln und den Mai Tai kurzerhand in den André Schürrle umbenennen. Der Name verheißt im Gegensatz zum sportlichen Aspekt hier und heute allerdings nichts Gutes. Bacardi, Ananassaft, Mandelsirup, Tripple Sec…. Ich hör auf zu lesen und gehe lieber weiter. Bei der Rezeptur ist das ja schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wenn Trader Vic das wüsste… Oder André Schürrle… Am Ausgang des Geländes geht ein Mann vor mir und telefoniert über Lautsprecher. Eine Frau will wissen wieso der Ton bei ihr nicht geht. Wird wohl daran liegen, dass ihr Mann die 5.1 HiFi-Anlage zur Arbeit geschleppt hat. Egal, weiter zu der Bar von TripAdvisor.

Die „Psssst, wir haben Hausgäste“ – Locations

Angekommen an dem Haus, an dem sich die Bar befinden soll, checke ich erstmal die Lage. Schaut nach einem kleinen Hotel aus. Die Bar befindet sich im Innenhof mit einer kleinen Terrasse. Also ab durch die Lobby und rein ins Geschehen. Der Fernseher läuft aber der Ton ist ausgestellt. Alle Gäste schauen in absoluter Erwartungshaltung zum TV-Gerät. Und dann geht es los. Die Spieler haben ihre Position eingenommen und der Schiedsrichter pfeift an. Für uns schaut es so aus, als hätte sein Assistent sich einen Spaß erlaubt und die kleine Erbse aus seiner Pfeife geräubert. Die Spieler haben die Geste des Unparteiischen jedoch scheinbar verstanden. Anstoß. Plötzlich hallt es auch schon durch die Räumlichkeit: „Machst du jetz´ ma´ den Ton an oder wat is´hier los?“ Dieselbe frage hatte ich mir auch gerade gestellt, war mir jedoch über die Formulierung uneins. Schließlich bin ich damit heut schon einmal auf die Nase geflogen.

Der Barkeeper holt zum Schlagabtausch aus und erklärt, dass es sich hier um eine Hotelbar handelt. Es war wohl eine Hotelbar bevor die Meisterschaft startete, wäre wohl jetzt noch eine und wird wohl auch eine sein, wenn das Turnier zu Ende ist. Hier wollen die Leute in Ruhe etwas trinken. Außerdem seien die Hotelzimmer direkt über der Bar. Man wolle nicht riskieren dass Beschwerden kommen. Wenn die Leute Fußball schauen wollen, möchten sie doch zum Public View… „Ja ja, komm hör auf.“ wird er unterbrochen. Alle Gäste sind sich einig und reden in geordneter Reihenfolge auf den Barkeeper ein. Schließlich gibt er nach und schaltet den Ton ein. Nicht so laut wie im Biergarten aber immerhin. 1:0. Lautstarkes Brüllen fährt durch die Hallen und der Barkeeper spricht in ernstes Wort mit seinem lautesten Tisch, während er der Verständniss halber wieder die Mute-Taste drückt. Beiläufig höre ich wie der Gast versucht ihm zu erklären, dass die Bundesregierung das Lärmschutzgesetz zur WM & EM außer Kraft gesetzt hat under sich deshalb nicht sorgen müsse. Er hat scheinbar nicht verstanden, dass es hier um die Qualität des Hauses geht und nicht um irgendwelche Paragraphen. Vor lauter Diskussionen verpassen alle das 1:1. Vom verpassen des Tors enttäuscht, schaltet der Barkeeper den Ton wieder an. Meine Chance den demotivierten Mann ein weiteres Mal an meinen Moscow Mule zu erinnern. Geschafft. Ich habe meinen Drink und schaue Fußball, was ´ne schwere Geburt.

 

Zusammengefasst

Die passende Bar zum Fußball gucken ist also nicht so einfach. Jedoch muss man dazu sagen, dass viele Fans es den Betreibern auch zu WM & EM – Zeiten nicht besonders leicht machen. Einige Besitzer kommen in den besagten Sommern vor Lachen nicht in den Schlaf und andere raufen sich die Haare, sobald es auf die Turniere zugeht. Ich denke, dass das Problem darin besteht, dass häufig die Gäste sich, vom Spiel gepackt, an ihrem Humpen festklammern und dabei völlig vergessen was zu trinken. In der Halbzeit kommt dann die Erkenntnis, dass der letzte Schluck Bitburger schal geworden ist und ein kompletter Laden beginnt neue Drinks zu bestellen. Die von der Betrauung ermattete Schankanlage steht nicht mehr still aber die Shaker stauben zusehends weiter ein. Betrachtet man die Unkosten, die man als Betreiber zur WM & EM mit der Übertragung der Spiele hat, kann es nicht schaden seine Stammkneipe oder Lieblingsbar so zu unterstützen, indem man mal vom Bier absieht und einen coolen Drink von der Karte wählt. Da freut sich der Barkeeper, dass sein Know How gefragt ist und der Umsatz wird ebenfalls etwas gepusht. Schließlich kann keine Cocktailbar überleben, indem sie nur Bier verkauft. Um die Brauereien brauchen wir uns an dieser Stelle nicht zu sorgen. Während der Meisterschaften, kommen die schon ganz gut über die Runden.

Außerdem ist es auch für den Betreiber wichtig, dass die Kundschaft gegenseitig Rücksicht nimmt und auf einander aufpasst. In emotionalen Zeiten kochen die Gemüter schnell über und unabhängig vom entstandenen Sachschaden bei einer etwaigen Auseinandersetzung, wäre der Schaden den der Ruf nimmt, für eine Bar deutlich höher. Also immer schön freundlich zueinander bleiben. Cheers und viel Spaß bei der EM 2016 – Chris

Bild: Peggy_Marco lizensiert unter CC0

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