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Schlechte Drinks – Wo du keine Cocktails trinken solltest

schlechte Drinks

Schlechte Drinks – Wo du keine Cocktails trinken solltest – Immer wieder hören Barkeeper an der Bar, dass die Drinks, die sie ihren Stammgästen zaubern einfach super sind. Das hört man auch gerne. Bei den Identity Drinks, die ein Barkeeper sich hat einfallen lassen, hat der Gast auch keine Vergleichsmöglichkeiten. Zumindest nicht, wenn er den Fokus auf diesen bestimmten Drink legt.

Bei den Klassikern und Evergreens der Barkultur schaut die Sache schon ganz anders aus. Mojito und Co. sind grandiose Indikatoren für die Gäste, um eine Bar als gut oder schlecht zu befinden. Jedoch nur dann, wenn sie auch in der Lage sind einen guten Drink zu erkennen. Erkennen? Klar kann ich den erkennen – das wird sich manch einer jetzt denken. Er ist dann gut, wenn er mir schmeckt. Das ist schon richtig, jedoch schmeckt er einfach gut oder schmeckt er wie er schmecken soll? Das ist schon ein himmelweiter Unterschied.

Schlechte Drinks oder Falsche Assoziationen

Nehmen wir ein krasses Beispiel zur Hand. Ein beliebiger Bar-Besucher hat in seinem ganzen Leben noch nie zuvor eine Margarita getrunken. Er hat auch noch nie davon gehört. Ihm fehlt also jegliche Assoziation mit diesem Drink. Würde man ihm also, nachdem er eine Empfehlung für einen süßen Drink haben möchte, einen Cosmopolitan zubereiten und behaupten, dass dies eine Margarita sei, so würde dieser Gast fortan diesen Drink bestellen. Er würde dutzende Male die Bar besuchen, seinen als Margarita ausgegebenen Cosmopolitan bestellen und zufrieden gen Heimat wandern.

Nur wird dieser Gast irgendwann einmal eine andere Bar aufsuchen. Nehmen wir an, dass er im Urlaub eine Bar besucht und dem Barkeeper lautstark und mit positiven Erfahrungen gestärkt eine Margarita möchte. Dieser Barkeeper, auf den unser fiktiver Gast nun stößt, versteht allerdings etwas von seinem Handwerk und greift zu Tequila und Co.  Nun sitzt der Gast vor seinem, mit Salzrand dekoriertem Glas und ist verwundert, dass sein Drink aber anders ausschaut. Klar, die einzige Gemeinsamkeit die dieser Drink mit dem hat, was er sonst vorgesetzt bekam, ist schließlich der Cointreau/Triple Sec. Unmut stellt sich nach dem ersten Schluck ein und der Gast ist der festen Überzeugung, dass seine Urlaubs-Bar definitiv nicht gut ist. Auch der Barkeeper scheint von der Wurzel an nichts zu taugen. Schließlich war er nicht in der Lage seinen Lieblingsdrink ordnungsgemäß zuzubereiten.

Etwas Ähnliches, wenn auch nicht ganz so krass wie in diesem zugegebenen verschärften Szenario, passiert täglich in den Bars der Republik und auf der ganzen Welt.

Meine Erfahrung damit

Ich persönlich lernte dieses Phänomen in den ersten Jahren an der Bar kennen, als ein Gast
seinen Unmut über den von mir zubereiteten Mai Tai Ausdruck verlieh. Nicht auf die nette und
diskrete Weise. In seinen Augen wurde er ja schließlich um einen hohen einstelligen Betrag betrogen.

schlechte Drinks
© Andrea Nguyen via (CC BY 2.0)

Trotz der Tatsache, dass ich über seine Art und Weise, wie er mir seinen Unmut präsentierte, extrem sauer war, widmete ich meine, dem Abendgeschäft geschuldet limitierte Zeit seinem Problem. Dafür verließ ich den Tresen und ging zu ihm um ein Gespräch aufzubauen, bei dem ich nicht hinter dem Tresen auf erhöhter Position auf ihn herab sprach.
Auge um Auge wurde der Mann deutlich ruhiger. Reine Psychologie. Meiner überdurchschnittlichen Körpergröße und meinem beeindruckendem Körperbau konnte es schließlich nicht geschuldet sein. Beides nämlich keine Attribute, die mich bestens beschreiben könnten.

Nach einem ausgiebigen Gespräch versuchte ich herauszufinden warum um alles in der Welt dieser Mann so erbost darüber war, dass ihm mein Mai Tai nicht genehm war. Schließlich mixte ich zu diesem Zeitpunkt bereits tausende Exemplare des Klassikers aus der Feder des großen Trader Vic und mit seiner plumpen Art mich lautstark vor allen Gästen zu kritisieren, verletzte er nicht nur meine persönlichen Statuten, sondern auch meinen Bartender-Stolz. Kein Gast hatte jemals zuvor auch nur ansatzweise eine noch so subtile Anspielung darüber verlauten lassen, dass mit dem Drink etwas nicht stimmt. Ebenfalls überprüfte ich alle Produkte. Alles war wie immer, nur nicht für eben diesen Gast.

Es stellte sich heraus, dass dieser Gast aus einer kleinen Stadt kam. Eine Stadt mit kaum 10.000 Einwohnern. Keine Stadt mit einer fluoreszierenden Bar und Trinkkultur. Eben diese wurde nämlich von lediglich einer einzigen Cocktailbar aufrechterhalten. Diese eine Cocktailbar war die einzige Bar, die der Mann jemals in seinem Leben besuchte. Er war kein typischer Cocktail-Trinker, eher das Model Feierabendbier daheim schien seinem seltenem Alkoholkonsum zu entsprechen. Jedoch besuchte er diese eine Bar von Zeit zu Zeit mit seiner Frau. Und weil dieser Mann nicht zu den experimentierfreudigsten Schlag Menschen auf dieser Welt gehörte, bestellte er dort immer dann, wenn er einmal auf einen Drink vorbeischaute, einen Mai Tai. Sicherlich nicht der schlechteste Drink den man zu seinem persönlichen Favoriten erklären kann. Allerdings nur unter der Prämisse, dass man auch einen Mai Tai bekommt, wenn man ihn bestellt.

Der Mann erwähnte beiläufig, in dem Gespräch das ich mit ihm führte den Namen dieser Bar. Ein einfallsloser Name mit dem einfallslosen Wortspiel, in dem das Wort „Bar“ misshandelt wird. Darum geht es aber nicht. Ich googelte damals die Bar und kam auf ihre Website. Zu meinem Glück fand ich hier ein PDF-Dokument mit der Cocktail-Karte.

Der Drink den ich hier unter Mai Tai fand, war alles aber ganz sicher nicht das Vermächtnis Trader Vic´s. Eine Zusammensetzung aus der Kategorie Fancy, von der ich alleine nach dem Lesen der Zutaten bereits Angst vor Diabetes bekam. Nach den vielen verschiedenfarbigen Produkten die hier verarbeitet wurden muss das Ganze im Glas nach erstklassigem Dorfteich-Wasser ausgeschaut haben.

Das ich diesen Drink einfach nur vom lesen schon gerne wieder aus dem Kopf bekommen hätte spielt allerdings keine Rolle. Meinem Gast schien diese mutige Interpretation nämlich zu schmecken. Sonst hätte er ja nicht auch bei mir einen Mai Tai bestellt. Das ich ihm jedoch einen Rum-Drink präsentierte, der wahrscheinlich schon eher nach Trader Vics Gusto gewesen wäre, konnte er ja schließlich nicht ahnen, so hießen ja bei Drinks gleich.

Eine nette Geschichte. Das mag man sich jetzt zumindest der eine oder andere denken, doch worauf will er hinaus. Die Barkultur ist leider von vielen Impressionen durch Amateure geschunden, die ihren Job machen wollen aber nicht richtig machen können. Einigen fehlen die Inspirationen, einigen die Mittel, anderen das Fachwissen und vielen die Kreativität. Ärgerlich sind jedoch die eierlegenden Wollmilchsäue, welche der Barkultur Steine in den Weg legen.

Cocktails da, wo sie nichts zu suchen haben

schlechte Drinks
© Emily Hill via (CC BY-NC-ND 2.0)

Restaurants mit bunten Cocktailkarten von Fertig-Cocktail-Herstellern schmücken die Tische. Manch einer, aus einer etwas früheren Generation, mag sich ja vielleicht davon hinreißen lassen. Schließlich stehen auf den Karten ja Namen von Drinks, die man bereits gehört hat. In der Lieblingsserie, einem Film, von Freunden oder sonst wo. Man vertraut dem Trend und schlägt zu. Wieder jemand, der einen Assoziation mit einem Drink-Namen aufbaut, die schwer zu korrigieren ist.

Ich erinnere mich an eine Cocktailkarte in einem italienischen Restaurant. Darauf zu sehen ein Tequila Sunrise. Jedoch war der abgebildete Drink unten gelb und oben rot. Aus Neugier wie sie das schaffen wollen, bestellte ich ihn. Kostete ja gerade einmal 4€.

Als ich dann zu der Theke blickte, sah ich wie zu den Fertig-Cocktails aus der Flasche gegriffen wurde. Eine rote Flüssigkeit wurde mit etwa 1cl in ein Glas portioniert und vorsichtig mit Orangensaft aufgegossen. Die Vorsicht war vergebens. Ein durchweg Orangefarbener Drink schmückte nun das Tablett der Kellnerin, welche sich auf mich zu bewegte. Eigentlich eine Schande dachte ich mir damals. Nicht wegen der 4€. Nicht, weil der Drink ausschließlich nach gesüßter Chemie schmeckte. Auch nicht wegen der Bemühungen der Hilfskraft am Tresen den Drink so ausschauen zu lassen, als wäre er direkt dem Bild entsprungen. Eine Schande weil Barkeeper auf aller Welt sich belesen, probieren, kreativ sind und sich unentwegt der Barkultur widmen während die, die die Welle ebenfalls surfen wollen eher die Wellenbrecher der Szene sind.

Mein Dank an dieser Stelle gilt allen Barkeepern und Bartendern, die diesen Scherbenhaufen, den diese Lokale hinterlassen, unentwegt aufkehren und unermüdlich aufs neue formen. Und mein Appell geht an alle Cocktail-Fans, die Lust auf gute Drinks haben: Trinkt Cocktails da, wo sie getrunken werden sollen. In den Bars und an den Theken, an denen die stehen, die sich pausenlos mit dem Thema Trinkkultur beschäftigen. Hier bekommt ihr nämlich wirklich gute Drinks und nicht einfach nur ein Getränk, welches nach einem guten Drink benannt ist.

Photo: Varshesh Joshi Lizensiert via CC

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2 comments

  1. Ganz genau. Und die eigene Reputation leidet unter den Assoziationen, die durch vorige schlechte, doch als gut verpackte Erfahrungen gesammelt wurden.

  2. Das ist ja in allen kreativen Bereichen ähnlich… ist der Kunde erstmal auf Unsinn konditioniert, wird es schwer „umzuerzeihen“, selbst wenn es zu seinen Gunsten ist. 😉

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